Warum unser Gehirn Stift und Papier heimlich feiert
- christiansidler

- vor 2 Tagen
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Was passiert eigentlich in unserem Kopf, wenn wir einen Stift in die Hand nehmen und beginnen zu schreiben?
Ist es einfach nur eine langsamere Art, Notizen festzuhalten – oder passiert dabei mehr, als wir auf den ersten Blick wahrnehmen?
In einer Zeit, in der wir Informationen mühelos digital sammeln, speichern und jederzeit abrufen können, wirkt handschriftliches Schreiben fast wie ein Relikt. Und trotzdem greifen immer mehr Menschen – sogar Hochschulen – wieder bewusst zu Stift und Papier.
Warum?
Was unser Gehirn dabei alles macht
Handschriftliches Schreiben ist für unser Gehirn ein fein abgestimmtes Zusammenspiel mehrerer Bereiche.
Zum Beispiel unser Kleinhirn: Es sorgt dafür, dass unsere Hand kontrolliert und präzise arbeitet. Diese Feinmotorik wird in Bereichen des Kleinhirns gesteuert, die eng mit dem präfrontalen Kortex vernetzt sind. Das bedeutet: Während wir schreiben, sind Bewegungskoordination und höhere kognitive Prozesse nicht getrennt – sie arbeiten direkt zusammen.
Der präfrontale Kortex ist zentral für unsere exekutiven Funktionen – also genau die Fähigkeiten, die wir beim Lernen und Verstehen brauchen. Er hilft uns, Informationen zu strukturieren, Wichtiges herauszufiltern und Inhalte aktiv zu verarbeiten.
Beim Schreiben von Hand passiert dabei etwas Entscheidendes: Wir können gar nicht alles mitschreiben. Das heisst, wir müssen grosse Informationsmengen vereinfachen – in Stichworte, kleine Skizzen oder eigene Formulierungen. Gleichzeitig verknüpfen wir Neues automatisch mit bereits vorhandenem Wissen.
Und genau hier kommt der Hippocampus ins Spiel – unser Gedächtniszentrum. Diese aktiven Verknüpfungen helfen ihm, Informationen langfristig zu speichern.
Dass dieser Prozess tatsächlich einen Unterschied macht, zeigt auch die Forschung: Eine Studie von Pam Mueller und Daniel Oppenheimer (2014) konnte nachweisen, dass handschriftliche Notizen zu besserem Verständnis und nachhaltigerem Lernen führen als das Tippen am Laptop. Kurz gesagt: Beim Schreiben von Hand wird Information nicht einfach gesammelt – sie wird verarbeitet, verknüpft und verankert.

Kleine Gewohnheit, grosse Wirkung
Vielleicht geht es gar nicht darum, digital oder analog grundsätzlich gegeneinander auszuspielen, sondern darum, bewusster zu wählen. Was wäre, wenn wir…
…bei unserem nächsten Telefonat einen Notizblock verwenden?
…nach einem Gespräch drei Stichworte von Hand festhalten?
…diesen Artikel kurz in ein paar eigenen Worten oder einer kleinen Skizze zusammenfassen?
Kleine Impulse – mit überraschend grosser Wirkung.
Abschlussgedanke
Es ist beeindruckend, welche technischen Möglichkeiten wir heute haben, um Informationen zu sammeln, zu speichern und jederzeit verfügbar zu machen.
Gleichzeitig zeigt uns die Forschung immer deutlicher, wie formbar unser Gehirn ist – und wie stark es sich an das anpasst, was wir regelmässig tun. Vielleicht liegt genau darin die Chance: Dass wir selbst entscheiden können, wie wir unser Gehirn nutzen und unterstützen.
Digital, wenn es schnell gehen soll. Handschriftlich, wenn wir wirklich verstehen und behalten wollen.
Und vielleicht einfach mal ausprobieren:
Wann greifen wir heute ganz bewusst zum Stift?
Dieser Artikel hat mich zu diesem Beitrag inspiriert: https://www.srf.ch/news/dialog/handschriftliche-notizen-franzoesische-hochschulen-setzen-wieder-auf-stift-und-papier
Quellen:
Diamond, A. (2000).Close interrelation of motor development and cognitive development and of the cerebellum and prefrontal cortex.Child Development, 71(1), 44–56.
Mueller, P. A., & Oppenheimer, D. M. (2014).The Pen Is Mightier Than the Keyboard: Advantages of Longhand Over Laptop Note Taking.Psychological Science, 25(6), 1159–1168.



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